deidalos_dive
ist ein steganografisches Bild, das sich je nach Lichtzustand verändert. Mythos, Mathematik und Wahrnehmung verschränken sich zu einem Modell innerer Zyklen zwischen Aufstieg, Abstieg und Erkenntnis.
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Titel: deidalos dive steganografisches Bild, Zyklus II
Werkbeschreibung (überarbeitete Fassung)
deidalos dive ist ein steganografisches Bild, das sich abhängig von Licht, Zeit und Betrachtungsposition verändert.
Bei Tageslicht erscheint eine gemalte Szene; im abgedunkelten Raum, wenn das Bild selbst zur Lichtquelle wird, tritt ein anderes Bild als Schattenerscheinung hervor.
Das Werk folgt einem zyklischen Lichtmodus: In der zweiten Minute des smart gesteuerten Lichtzyklus wird das Bild von hinten beleuchtet. Was zuvor Malerei war, verwandelt sich in ein Schattenspiel. Das Bild kippt – nicht technisch, sondern epistemisch.
Mythos und Bewegung
Im oberen linken Bildbereich erscheint Daidalos – nicht als Figur des Sturzes, sondern im Moment maximaler Amplitude.
Die mathematischen Begriffe Amplitude, Periode, Wellenlänge (λ) strukturieren das Bild wie ein Koordinatensystem innerer Zustände. Die Bewegung der Seele wird nicht erzählt, sondern modelliert.
Die Geschichte von Daidalos und Ikaros wird hier nicht moralisch gelesen, sondern zyklisch:
Höhe und Tiefe, Aufstieg und Abtauchen sind keine Gegensätze, sondern Zustände derselben Bewegung.
Der Tauchgang
Im unteren rechten Bereich erscheint dieselbe Figur erneut – diesmal als Taucher.
Daidalos ist nicht mehr in der Luft, sondern im dunklen, dichten Raum des Meeres. Der Flug wird zum Abstieg. Der Himmel zum Ozean.
Hier greift das Bild auf das Gleichnis des Perlentauchers zurück (nach Béla Buda):
Das Ab- und Auftauchen ist ein einzelner Moment –
Erkenntnis entsteht jedoch erst durch die Wiederholung des Tauchgangs.
Der Taucher lernt sehen, indem er bleibt.
Je länger er unten ist, desto mehr unterscheiden sich Muschel und Stein, Oberfläche und Gehalt.
Die Perle ist kein Objekt – sie ist Erinnerung aus Tiefe.
Schatten und Erkenntnis
Wenn der Raum dunkel wird und das Bild selbst Lichtquelle ist, erscheint ein Schattenspiel.
Dieses verweist direkt auf Platons Höhlengleichnis und dessen erkenntnistheoretische Staffelung:
Einbildung (eikasía) – Schatten, Projektionen
Glaube (pístis) – sinnliche Gewissheit
Meinung vs. Wissen (dóxa / epistéme) – Trennung von Erscheinung und Struktur
Dialektik (diànoia → nóesis) – Übergang von mathematischer Erkenntnis zu reiner Intellektion
Die Schatten sind nicht Illustration, sondern Bedingung:
Ohne Dunkelheit keine Projektion, ohne Projektion kein Weg zur Idee.
Synthese
deidalos dive verbindet Mythos, Mathematik und Erkenntnistheorie zu einem einzigen Bewegungsmodell:
Flug und Tauchgang
Licht und Schatten
Welle und Zyklus
Seele und Struktur
Das Werk behauptet keine Wahrheit.
Es zeigt einen Weg, der immer wieder gegangen werden muss.
Nicht der Sturz ist die Gefahr –
sondern das Vergessen der Tiefe.