Werkgruppe Saman

verbindet ethnologische Archivbilder, Zeichnungen und Fäden zu offenen Netzwerken. Sie thematisiert schamanische Weltbilder, Pflanzenwissen und Erkenntnis als respektvolle Annäherung.

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Werkgruppe

ohne Titel (Indigene Wissensnetze / Pflanzen – Übergänge – Stille)
Mixed Media, Archivmaterial, Fotografie, Zeichnung, Fäden, Stecknadeln


Werkbeschreibung

Diese Werkgruppe beschäftigt sich mit indigenen Kulturen und deren Beziehung zur Natur, insbesondere mit schamanischen Weltbildern und ethnologischen Forschungsansätzen des 20. Jahrhunderts.

Archivbilder, ethnografische Zeichnungen, botanische Darstellungen, Fotografien und filmische Fragmente sind zu offenen Netzwerken verbunden. Die einzelnen Elemente stammen aus unterschiedlichen Zeiten, Kulturen und Kontexten, bleiben jedoch bewusst fragmentarisch. Es entsteht kein abgeschlossenes Narrativ, sondern ein Geflecht aus Spuren.

Die verbindenden Fäden markieren keine historischen Kausalitäten, sondern Resonanzen: wiederkehrende Motive von Pflanze, Körper, Übergang, Ritual und Wahrnehmungsveränderung.


Schamanische Motive und Weltbilder

Zentrale Bildmotive verweisen auf schamanische Vorstellungen von Weltstruktur und Erkenntnis:

  • die Reise zwischen den Welten

  • der Weltenbaum als Achse zwischen Erde, Unterwelt und Himmel

  • die Verwandlung des Körpers

  • Pflanzen als Mittler zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem

Ein wiederkehrendes Motiv ist der Aufstieg – symbolisiert durch den Baum, das Klettern, die vertikale Bewegung. In der ungarischen Volksüberlieferung gilt das Besteigen des Weltenbaums als Sinnbild der schamanischen Himmelsreise. Diese Vorstellung verbindet Mythologie, Ritual und Erkenntnis.

„A sámán egyik feladata a másvilágok felkeresése.“
(Eine der Aufgaben des Schamanen ist die Aufsuchung anderer Welten.)


Ethnologie, Forschung und Grenzerfahrung

Die Arbeiten beziehen sich indirekt auf ethnologische Forschungen zu Schamanismus, insbesondere auf Archivmaterial aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, darunter Filmaufnahmen aus Shamanism in Eurasia (1988).

Gleichzeitig stellt die Werkgruppe Fragen nach den Motiven westlicher Forscher und Denker, die sich intensiv mit psychoaktiven Pflanzen und indigenem Wissen beschäftigten:

  • Was wurde tatsächlich verstanden – und was nur übersetzt?

  • Wo endet Forschung und wo beginnt Projektion?

  • Welche Erfahrungen lassen sich dokumentieren, welche entziehen sich jeder Sprache?

Die Werke thematisieren nicht den Rausch, sondern die Struktur der Suche.


Stilles Denkmal

Die Arbeit versteht sich als indirektes, stilles Denkmal für María Sabina – nicht als Porträt, sondern als Anerkennung eines Wissens, das sich der vollständigen Aneignung entzieht.

Die Pflanzen erscheinen hier nicht als Substanzen, sondern als Akteure eines anderen Erkenntnissystems.
Wissen wird nicht extrahiert, sondern empfangen – zeitlich begrenzt, kontextabhängig, fragil.


Übersetzung und Gegenwart

Ein zeitgenössischer Referenzpunkt ist das Filmplakat Silent Friend von Ildikó Enyedi. Der Titel fungiert als Schlüsselmotiv für die gesamte Werkgruppe:
Die Pflanze als stiller Begleiter, nicht als Werkzeug.

Die Werke fragen, was es bedeutet, mit der Natur in Beziehung zu treten – ohne sie zu instrumentalisieren.
Nicht laut, nicht spektakulär, sondern in aufmerksamer Nähe.


Offene Struktur

Die Installation ist bewusst offen angelegt.
Es gibt keinen zentralen Blickpunkt, keine vorgeschriebene Lesart.

Die Betrachter:innen bewegen sich durch ein visuelles Archiv, das weder belehrt noch erklärt, sondern zur vorsichtigen Annäherung einlädt.

Diese Arbeiten zeigen kein abgeschlossenes Wissen.
Sie zeigen Respekt vor dem, was nicht vollständig verstanden werden kann.